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FAZ
Afghanistan-Einsatz
Auf Außenposten
Johannes C. wollte wissen, was das heißt: geradestehen „für den Eid, den ich geleistet habe, der Bundesrepublik treu zu dienen“. Jetzt ist er im Krieg. Der 25-jährige ist seit Juni als Fallschirmjäger in Afghanistan stationiert.
Von Jochen Stahnke
05. November 2010 In ihrem ersten Brief schrieb seine Oma: „Lieber Johannes, meinen letzten Feldpostbrief schrieb ich 1943, da war ich in der siebten Klasse. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, das jetzt noch einmal zu tun.“ Im Juni 2010 ging Johannes C. nach Afghanistan, er hatte das lange gewollt. Knapp drei Wochen später geriet er in sein erstes Feuergefecht, das hatte er nicht gewollt, aber damit gerechnet hatten alle. In 14 Gefechte war er seither verwickelt, zwei Sprengstoffanschläge überlebte er, und einmal schlug eine Panzerfaustgranate direkt vor ihm auf - es war ein Blindgänger.
Der Stabsgefreite Johannes C. sitzt im heruntergekommenen Polizeihauptquartier von Chahar Darah und reibt sich den Staub aus dem erschöpften Gesicht. Er ist 25 Jahre alt, gerade kommt er von einem wenige Kilometer entfernten Außenposten zurück. Er gehört zur zweiten Kompanie der „Task Force Kunduz“, Golf-Zug, erste Gruppe. Auf die Rückwand des gepanzerten Fahrzeugs (“Dingo“) seines Trupps hat jemand eine Abschussliste gemalt: „Taliban III“. Johannes und seine Kameraden sind Fallschirmjäger, die sind näher an zwanzig als an dreißig Jahren, viele von ihnen tätowiert. Seit drei Monaten sind sie jetzt im Einsatz, sieben sollen es werden. Ihre Kleidung ist schon ein wenig abgenutzt, die Männer aber scheinen noch gut in Form zu sein.
Vor zwei Tagen erst hatten sie ihr letztes Gefecht, nur wenige hundert Meter von der Polizeistation entfernt. Davon sprechen heute Abend alle. Sie haben viele Gegner getötet, hatten aber auch einen Verletzten in den eigenen Reihen. Einem jungen Fallschirmjäger wurde in die Schulter geschossen. „Das war erfolgreich, meint ihr nicht?“, fragt Johannes, genannt Joe, in die Runde. „Ich weiß nicht, ob wir erfolgreich sind“, sagt ein schlaksiger Soldat, den sie Flamingo nennen, bedrückt. „Ich will nur, dass es Timmy bald wieder bessergeht.“
An der Decke blüht der Schimmel
Flamingo und die Männer sitzen am Lagerfeuer auf dem Hof auf angerissenen Plastikstühlen, andere lümmeln auf ihren Feldbetten im staubigen und trotzdem feuchten Gebäude. Sie tragen Badelatschen, Unterhose oder Uniformteile. Je weiter man vom Basis-Feldlager weg ist, desto weiter sind auch die hohen Dienstgrade entfernt. Vier Mannschafter diskutieren im Küchenkabuff, ob das Wasser für die Spaghetti mit dem Tauchsieder oder auf dem Gasherd zum Sieden gebracht werden sollte.
Das Polizeigebäude besetzt die Bundeswehr seit zwei Jahren, sonst wäre es überrannt worden. Es ist aus porösem Waschbeton gefertigt, an der Decke blüht der Schimmel, die Fenster sind abgeklebt. Auf jedem Quadratmeter sind Feldbetten aufgestellt. Mäuse - manchmal auch Ratten - huschen über den Fußboden. Für 130 deutsche Soldaten gibt es sechs Dixie-Klos, die täglich von Afghanen gereinigt werden. Die etwa 25 blauberockten afghanischen Polizisten, die im Nachbargebäude hausen, betreten sie nicht.
„Partnering“ heißt das Konzept der Zusammenarbeit
In einem der Räume hat sich ein Dutzend Soldaten um zwei winzige Lautsprecher versammelt. Sie lauschen einem Science-Fiction-Hörspiel. Darin geht es um das Volk der Klingonen in einer anderen Welt. Sie scheint nicht weniger fremd als jene, die auf der anderen Seite der Mauer beginnt und vom Vollmond beschienen wird. In der Ferne sind deutsche Aufklärungsdrohnen und amerikanische Hubschrauber zu hören.
Ihre neu aufgestellte Einheit heißt „Ausbildungs- und Schutzbataillon“, aber so werden sie nur in Deutschland genannt. Es ist ein zu umständlicher Name, der sich kaum übersetzen lässt, und auch das Wort Ausbildung missfällt: Er bilde hier keine Afghanen aus, sondern führe Operationen und Gefechte, sagt Kompaniechef Wolfgang S. In Afghanistan heißen sie also „Task Force“, so wie die Amerikaner ihre entsprechenden Gefechtsverbände nennen. Johannes C. gehört zur „Task Force Kunduz“. Diese Truppe soll zusammen mit den afghanischen Sicherheitskräften die Aufständischen vertreiben - und die freigekämpften Stellungen hinterher auch halten, was bislang ein zentrales Problem ist. „Wir sind hier an der Belastungsgrenze“, sagt der Kompaniechef und ist damit nicht allein.
„Partnering“ heißt das Konzept der Zusammenarbeit, das offiziell schon länger praktiziert wird. Die fließende „Übergabe in Verantwortung“ afghanischer Sicherheitskräfte wurde im Januar 2010 auf der Londoner Afghanistan-Konferenz beschlossen. Tatsächlich findet das Partnering in Kundus derzeit kaum statt. Es gibt zu wenig afghanische Sicherheitskräfte. Die verfügbaren afghanischen Soldaten seien für größere Operationen noch nicht ausreichend ausgebildet, heißt es in der Führung im Feldlager Kundus. Es wird allerdings auch erzählt, dass die Führung der afghanischen Armee zunächst sehr wohl mit der Bundeswehr in Chahar Darah habe üben wollen, das Einsatzführungskommando habe das aber abgelehnt.
Nicht nur sich selbst schützen
Viele afghanische Soldaten und Polizisten - die hier eher einem Kampfverband gleichen - sind an stärker umkämpfte Kriegsschauplätze verlegt worden. Zum Teil werden sie in Baghlan eingesetzt, der südlich an Kundus grenzenden Provinz. Dort versucht die Bundeswehr derzeit gemeinsam mit Koalitionstruppen, die Nachschubverbindung zwischen Russland und Kabul, die auch Kundus und Mazar-i-Sharif versorgt, zu verteidigen. Die „Task Force Kunduz“ wird oft auch in der Nachbarprovinz eingesetzt, was die Sicherheitslage in Kundus nicht besser macht. Die deutsche „Task Force“ ist nicht zufällig regelmäßig in Gefechte verstrickt: Sie wagt sich in Gebiete vor, in denen die Bundeswehr seit Jahren nicht mehr präsent war. Wolfgang S., der Kompaniechef, sagt, dazu dürfe man sich nicht nur selbst schützen, wie bisher. „Sich nicht hinten reinstellen, das ist unser Selbstverständnis.“
In Baghlan ist im Oktober der 26 Jahre alte Oberfeldwebel Florian Pauli gefallen. Er war auch der Ausbilder von Johannes C. im Heimatstandort Seedorf. „Wut auf die Ohnmacht“ habe er nach dem Attentat verspürt, sagt Johannes C. Pauli war als Sicherungsposten an einer Brücke von einem Bauern angesprochen worden, der um Hilfe bat - dann explodierte der Sprengstoffgürtel. Als er davon erzählt, gerät seine Stimme kurz ins Stocken. Johannes steht in einem Schützengraben auf einem mit Sandsäcken befestigten Berghügel. Dann sagt er fest, das habe seine Truppe nur noch entschlossener gemacht.
Weihnachten werden sie in Afghanistan feiern. Niemand aus dem Golf-Zug wird im Einsatz Urlaub nehmen. Keiner wollte die Kameraden auch nur ein paar Tage verlassen. Johannes C. scheint genau zu wissen, was er tut, und warum. „Ich möchte nicht unbedingt in den Krieg, sondern für den Eid, den ich geleistet habe, geradestehen, nämlich der Bundesrepublik treu zu dienen. Ich wollte wirklich wissen, was das heißt.“ In Deutschland ist Johannes Mitglied in einem Mittelalter-Verein, der auf Jahrmärkten Falken fliegen lässt. Draußen in der Natur schlafe er gern.
Bundeswehr greift auch auf lokale Milizen zurück
Die erste Gruppe des Golf-Zuges sei im Gefecht meist ganz vorn dabei, berichtet Johannes C. Sein Gruppenführer, ein jovialer Mann aus Jena, genannt „Fleesch“, sagt, er habe Johannes auch deshalb ausgesucht, weil er Abitur habe und gut Englisch spreche. Das sei wichtig, um über die Sprachmittler mit Afghanen in Kontakt zu kommen. Ein paar afghanische Polizisten haben sie nämlich immer dabei - eine Stunde vor Operationsbeginn gibt der Kompaniechef ihnen das Einsatzziel bekannt, damit es sich wenig herumspricht: Die meisten Polizisten wohnen in den umliegenden Dörfern.
Mangels afghanischer Soldaten und Polizisten greift die Bundeswehr auch auf lokale Milizen zurück, die von Isaf-Kräften manchmal sogar mit Munition ausgestattet werden. Sie werden „Arbaki“ genannt, als Oberbegriff für eine Art Bürgerwehr, die ihre eigenen Dörfer von Taliban zu befreien vorgeben. Sie sollen freigekämpfte Ortschaften auch halten. Eine homogene Truppe sind sie nicht, und ein Gewaltmonopol des afghanischen Staates scheinen sie bislang auch nicht zu verteidigen. Eigentlich sollten die Milizen in Afghanistan von der internationalen Gemeinschaft entwaffnet werden. Doch es gibt außer den Taliban kaum jemanden, der an ihre Stelle treten könnte. Die Bundeswehr hat im ganzen Raum Kundus kaum mehr als 300 Soldaten außerhalb des Lagers. Und so ist vorgesehen, die Arbaki in die „Afghan Public Protection Force“ (APPF) einzugliedern, die auch die uniformierte „zivile“ Polizei umfasst.
Arbaki sind von der Zivilbevölkerung und mithin von Taliban oder anderen Aufständischen nicht zu unterscheiden. Deswegen sollen sie im Gefecht gelbe Armbinden anlegen. Vor wenigen Wochen aber, erzählt ein Soldat, sei ein Arbaki-Führer zu ihnen gekommen, als das Gefecht schon eine Stunde im Gange war, und habe um gelbes Klebeband gebeten, weil er das Gefühl gehabt habe, von beiden Seiten unter Feuer genommen zu werden. Im Distrikt Qala-i-Sal sollen sich Arbaki und afghanische Polizei kürzlich gegenseitig beschossen haben. Zuletzt sind in Kundus 80 Taliban zu den Arbaki übergelaufen. Oder waren es andere freischaffende Milizionäre? Ob es ihnen nur darum ging, bis zum Frühjahr ein warmes Winterquartier zu bekommen, vermag kaum jemand zu sagen.
Luftunterstützung der Amerikaner ist überlebenswichtig
In Qala-i-Sal-Distrikt war auch der Golf-Zug unter Feuer geraten. Das Ziel der Kompanie war Gesprächsaufklärung, man wollte mit den Dorfältesten sprechen. Möglicherweise schoss die afghanische Polizei zuerst, als ein Alarmposten der Aufständischen sichtbar wurde, möglicherweise waren es die Taliban. Die Soldaten zeigen Videoaufnahmen von dem acht Stunden dauernden Gefecht. Der Hauptmann achtet darauf, dass die Vorführung an Stellen unterbrochen wird, die Aufschluss über die Gefechtstaktik der Bundeswehrsoldaten geben könnten.
Das Video wurde mit Helmkameras aufgenommen, die sie sich auf dem lokalen Markt selbst besorgten. Im Rhythmus der schwer atmenden Helmträger hebt und senkt sich das Kamerabild. Sie sind in Deckung hinter einer Lehmmauer. Zu sehen ist Erde, dann Himmel, dann Baum, Schuss, dann Erde. Knappe Gewehrsalven überlagern die wechselnden Befehle. Die Aufständischen schießen von allen Seiten gleichzeitig. Aber man sieht sie nie, sie verschieben sich in trockengelegten Bewässerungsgräben der Bauern. Um nahezu jedes Dorf in Chahar Darah sind die Bewässerungsgräben so zu Schützengräben geworden. Ein Heckenschütze trifft einen auf dem Dach kauernden jungen Bundeswehrsoldaten, Timmy, in die Schulter. Es ist die erste Schussverletzung eines Kompanieangehörigen in Afghanistan. Der Schütze soll später von einem deutschen Scharfschützen getötet worden sein.
Ständig lösen sich die deutschen Soldaten ab, um zu trinken und zu ruhen. Schließlich fordern sie Feuerunterstützung an: Die deutsche Artillerie schießt mit ihren Panzerhaubitzen aus dem acht Kilometer entfernten Feldlager, amerikanische Kampfhubschrauber feuern Salven in die Laufgräben, und ein amerikanisches Kampfflugzeug beschießt die Nordflanke, jede Einheit beharkt einen Flügel der Aufständischen. Der F-15-Pilot verfehlte die Deutschen beim sogenannten „Gun Run“ mit der Bordkanone um kaum mehr als 30 Meter. Entschuldigend habe der Pilot hinterher die Flügel wackeln lassen, erzählen die Männer. An der guten Zusammenarbeit mit den Amerikanern wird das nichts ändern. Ihre Luftunterstützung ist überlebenswichtig. Als das Gefecht anschließend abebbt, ziehen sich die Deutschen zurück - nicht ohne dass die Aufständischen noch den letzten symbolischen Schuss abgeben.
Über Politik wird wenig gesprochen
In adrenalingetränkter Hochstimmung fahre man zurück in die Polizeistation, erzählt Johannes C. Die Müdigkeit folge Stunden später, auch der Muskelkater in jedem Körperteil. Und das Nachdenken. Zum Beispiel darüber, auf Menschen zu schießen: „Ein Erlebnis ist das nicht, das kann ich sagen.“ Man funktioniert. Es funktioniert. „Wir wurden ausgebildet, das intuitiv zu beherrschen. Ich wehre mich, wenn ich angegriffen werde, logisch.“ Irgendwann falle es einem leichter, sich nicht zu ducken, sondern zurückzuschießen.
Eine Handvoll Kameraden der Kompanie ist im Laufe der ersten drei Monate aufgrund psychischer Belastungen nach Deutschland zurückgeschickt worden. Jedem kann das passieren. Wenn etwa deutsche Panzerbesatzungen Splittermunition verschießen, dann sehen sie Menschen platzen. „Jeder von uns ist schon in einer Situation gewesen, wo er einen tiefen Durchhänger hatte“, sagt Johannes C. Sie fangen sich dann gegenseitig auf, machen Sport und reden miteinander über die Erlebnisse. Johannes' Freundin will am Telefon nichts von solchen Erlebnissen hören. Die schwersten Gefechte hat er in einem Comic noch einmal nachgezeichnet. Außerdem führt er Tagebuch. „Es ist wichtig, seine eigene Strategie zu finden, damit umzugehen.“ Über Politik oder Sinn und Zweck der Mission wird untereinander wenig gesprochen. Sie haben genug mit sich selbst und dem zu tun, was täglich passiert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar